ISO-und DIN EN-Normen, die als methodische Grundlage dienen, stecken zwar den Rahmen für den Baubereich ab, jedoch ohne spezifisch definierte Systemgrenzen und viel Interpretationsspielraum bei notwendigen Annahmen. Das Ergebnis: Projekte verwenden unterschiedliche Annahmen und Umfang, Zahlen werden ohne Kontext kommuniziert – und am Ende werden Ergebnisse miteinander verglichen, die methodisch schlicht nicht vergleichbar sind.
Was fehlt, sind einheitliche Spielregeln für die Anwendung dieser Methode – genau hier setzt die DIN SPEC 91606 an.
Das Problem liegt im Detail: Warum Ergebnisse variieren
Die Ursachen liegen im Detail: Manche Bilanzierungen erfassen nur die Herstellungsphase, andere den vollständigen Lebenszyklus, wieder andere rechnen zusätzliche Vor- und Nachteile (Modul D) mit dazu. Nutzungsdauer, Umfang der Kostengruppen oder die Behandlung biogenen Kohlenstoffs werden individuell je Projekt und Schwerpunkt der Aussage angenommen. Je nachdem, wie der Betrieb von Gebäuden berücksichtigt wird (dynamisch, mit oder ohne Nutzerstrom) und welche Flächen als Referenzwerte herangezogen werden, kann das Ergebnis stark variieren.
Ein Projekt kann dadurch rechnerisch besser aussehen – schlicht, weil bestimmte Parameter bewusst oder unbewusst gesetzt oder weggelassen wurden.
Die DIN SPEC 91606: Spielregeln für die Praxis
Die neue DIN SPEC 91606 ist kein neues Berechnungsverfahren, sondern ein verbindliches Regelwerk für die Erstellung von Gebäude-Ökobilanzen in Deutschland.
Zur Einordnung der Begriffe hilft folgendes Bild: Die ISO-Normen (ISO 14040 und 14044) definieren die Grundidee des Spiels, die EN-Normen (EN 15978 und 15804) stecken das Spielfeld ab – die DIN SPEC 91606 legt erstmals fest, wie konkret gespielt wird.

Konkret bringt die DIN SPEC klare Definitionen für Systemgrenzen nach Kostengruppen und Umfang, Lebenszyklusphasen, Betrachtungszeiträume und die anzusetzende Bezugsfläche ein sowie strukturierte Vorgaben zur Datennutzung.
Der entscheidende Fortschritt: Vergleichbarkeit wird möglich
Bisher war die Ökobilanzierung häufig eine Blackbox: Welche Phasen eingeflossen sind, welche Datenqualität genutzt wurde, welche Annahmen getroffen wurden, all das blieb oft unerwähnt. Die DIN SPEC 91606 macht genau das nun transparent. Unterschiedliche Datenqualitäten sind weiterhin zulässig, aber jede Entscheidung wird dokumentiert und nachvollziehbar eingeordnet.
CO₂-Kennwerte, die bisher nicht nachvollziehbar und schlecht dokumentiert wurden, lassen sich künftig einordnen und hinterfragen. Damit schafft die DIN SPEC 91606 die Grundlage für belastbares Benchmarking, sowohl projektintern als auch im Unternehmens- oder Marktvergleich.

Warum die DIN SPEC 91606 gerade jetzt so relevant ist
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Mit der überarbeiteten EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) und der Übersetzung ins nationale Recht in Form des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG) wird die Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden schrittweise zur regulatorischen Pflicht – und damit wird Vergleichbarkeit zur Voraussetzung:
- ab Januar 2028: Ökobilanzen verpflichtend für neue Gebäude > 1.000 m²
- ab Januar 2030: Ökobilanzen verpflichtend für alle neuen Gebäude
- ab Januar 2030: verbindliche GWP-Maximalwerte für alle neuen Gebäude
- bis 2050: Entwicklung eines nationalen Fahrplans zur schrittweisen Verschärfung der GWP-Maximalwerte
Gleichzeitig wächst der Bedarf an belastbaren Entscheidungsgrundlagen: Investor:innen brauchen verlässliche Kennwerte für ihre ESG-Bewertungen, Planungsteams benötigen eine gemeinsame Basis für Optimierungsentscheidungen, Förderprogramme setzen zunehmend klare Nachweise voraus.
Ohne anerkannten Standard sind valide Entscheidungen in all diesen Kontexten kaum möglich.
Die Branche befindet sich an einem Kipppunkt. Viele Akteure, unterschiedliche Interessen, ein komplexer und politisch aufgeladener Normungsprozess – all das macht Einigung schwierig. Aber genau deshalb ist das Ergebnis so bedeutsam: Die DIN SPEC 91606 ist kein perfekter Kompromiss – sie ist ein notwendiger erster verbindlicher Schritt.
Was die DIN SPEC 91606 bewusst nicht ist
Die DIN SPEC 91606 ist kein starres Einheitssystem und kein eigenständiger Bewertungsstandard. Sie ersetzt weder das QNG noch die DGNB-Zertifizierung. Sie tritt nicht in Konkurrenz zu bestehenden Systemen – sie schafft aber das gemeinsame Fundament, auf dem diese Systeme künftig aufbauen können.
Unsere Rolle: vom Mitgestalten zur Umsetzung
CAALA war an der Entwicklung der DIN SPEC 91606 aktiv beteiligt – über die Gütegemeinschaft Ökobilanzierungswerkzeuge e. V. und mit der Perspektive eines Teams, das Ökobilanzen nicht nur theoretisch kennt, sondern täglich in der Praxis für und mit unseren Kund:innen rechnet.
Als Softwarehersteller bedeutet das für uns eine Bestätigung unserer bisherigen Ausrichtung und zugleich eine konkrete Verantwortung: Vergleichbarkeit ist nun möglich und es gilt, die Anforderungen der DIN SPEC 91606 in der Software abzubilden, Ergebnisse und Varianten gegenüberzustellen und Anwender:innen die Umsetzung so einfach wie möglich zu gestalten.
Was das für die Praxis bedeutet
Die DIN SPEC 91606 verändert die tägliche Arbeit konkret: weniger Interpretationsspielraum, weniger Fehleranfälligkeit, bessere Grundlagen für Planungs- und Investitionsentscheidungen.
Die DIN SPEC 91606 wird die bestehende Systemlandschaft nicht ersetzen, aber sie wird sie neu kalibrieren. Das QNG-Regelwerk wird sich voraussichtlich an ihr orientieren, die DGNB wird Anpassungen vornehmen, weitere Zertifizierungs- und Bewertungssysteme werden folgen.
Gleichzeitig stellt sie neue Anforderungen – vor allem an Tools und Software, die Ökobilanzen erstellen. Wer die Methodik nicht sauber abbildet, liefert Ergebnisse, die dem Standard nicht standhalten.
Die DIN SPEC 91606 ist kein perfektes Regelwerk. Aber sie ist der bisher wichtigste Schritt hin zu belastbaren, vergleichbaren Gebäude-Ökobilanzen in Deutschland.